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Die wandelnde Zeit – Aufklärung – Islam neu Betrachtet

Mit der Aufklärung (seit etwa Mitte des 18. Jahrh.) beginnt auch eine neue Phase in der christlich-islamischen Geschichte.

Durch die Lockerung der Bindung an Dogma und Tradition wurde auch das Christentum genötigt, sich vor der Vernunft als oberstem Prinzip zu rechtfertigen. Beherrschend wurde die Idee der Toleranz. Immanuel Kant (1724-1804) warf die Frage auf: Was ist Aufklärung? Beantwortete sie zugleich: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Der Bürger muss die in theologischem Sinn volle Freiheit haben, sich seiner Vernunft zu bedienen und in seiner eigenen Person zu sprechen. 

Was Kant vor über 200 Jahren im Namen der Vernunft argumentativ angemahnt hat, ist bis heute nicht eingelöst worden. Die Hierarchen des kirchlich verfassten Christentum lassen innerhalb der christlichen Theologie in Forschung und Lehre nur das zu, was sie im Einklang mit der kirchlich vorgegebenen Lehre stehend ansehen. Die geforderte Freiheit von Forschung und Lehre ist damit eingegrenzt auf kirchliche Überlieferung, als deren Hüter sich die Hierarchen verstehen.

Aber in Folge der Aufklärung ist eine neues Verständnis über die Sicht des Islam als nichtchristliche Religion entstanden. 

Den Anfang einer neuen Sichtweise des Islam bildet Hadrian Reland, Professor für orientalische Sprachen in Utrecht. Sein Buch erregte 1705 großes Aufsehen. In seiner Vorrede schreibt Reland: ...dass die Religionen von ihren Widersachern entweder nicht verstanden oder in böswilliger Absicht verleugnet wurden....so wurden die Kirchen, die nicht der römischen Kirche folgten, auf eine Stufe mit den Mohammedanern gesetzt. Weiter schreibt er: Die Wahrheit darf erforscht werden, gleich wie sie sei. Dieser Maxime fühlt er sich verpflichtet. Und so will er zu einem vorurteilsfreien Verständnis des Islam beitragen. Denn so schreibt er weiter: ich habe allezeit dafür gehalten, dass die Religionen nicht so närrisch und abgeschmackt seinen, wie die Vertreter der christlichen Religion sie sich einbilden; hat Gott doch allen Menschen Vernunft gegeben, und zwar unabhängig von ihrer jeweiligen Religionszugehörigkeit.

Doch anderseits fiel Reland wieder hinter der allgemeinen Meinung über den Islam, wenn er doch in diesem eine List des Satans zu erkennen glaubte, zurück. Relands Buch sorgte seinerzeit für Diskussionsstoff. Seine Absicht, den Islam aus dessen eigenem Selbstverständnis her zu betrachten, fand nicht nur positive Aufnahme: Befürworter und Kritiker meldeten sich zu Wort. Die katholische Kirche setzte die Schrift wegen angeblicher probislamischer Tendenzen auf den Index. 
 
 

Doch weitere Forscher folgen den Weg, den Islam neu darzustellen. 


Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) versucht mit seiner „Ringparabel“ in dem dramatischen Gedicht „Nathan der Weise“ das Verhältnis der drei großen monotheistischen Religionen – Islam, Judentum, Christentum – neu zu bestimmen. 
 

Ein Ring von unschätzbarem Wert wird seit Generationen vererbt, und zwar vom Vater an seinen jeweiligen liebsten Sohn. Um keinen Sohn zu kränken, lässt der Vater von einem Künstler zwei weitere ebengleiche Ringe anfertigen. 


Was Lessing mit dieser Ringparabel sagen will, ist dies: 
 

Die drei Ringe – Symbole der drei Religionen – sind alle drei Gabe Gottes. 


Die Frage nach ihrer Authentizität ist theoretisch nicht entscheidbar, Entscheidend ist, wie ihr Träger damit praktisch umgeht: Die Kraft, die ihm aus dem Ring, d.h. der Religion, erwächst, soll in seinem Leben sichtbar werden und sich in menschlicher Solidarität, Friedfertigkeit und Toleranz gleichsam offenbaren. Darin liegt das Geheimnis der Offenbarung Gottes, die jede der drei Religionen für sich beansprucht, dass ihre Anhänger miteinander im Guten wetteifern. 

Mit der Aufklärung und ihrer Maxime der Vernunft bzw. Humanität im Verhältnis der Religionen konnten in diesem transzendierten Religionsverständnis althergebrachter Vorurteile überwunden und damit die Basis für eine interreligiöse Toleranz geschaffen werden. Doch mit dem Eintreten des Kolonialismus wurden neue Weg eingeschlagen die bis heute das Misstrauen gegenüber der christlichen Gesellschaft aufrecht erhalten haben.
 
>Quelle<
Khalid Österreich 
       ist  Muslim und befasst sich seit 1969 mit deutschsprachigen Büchern über den Islam. Sein Augemerk liegt bei den Orientalisten und ihre
       Fachwerke. Sein Bücherstudium geht auf die ersten Anfänge der Islamforschung in Deutschland zurück. Er Schichtete die Abhandlungen von Ignaz
       Goldzieher (den eigentlichen Begründer der Islamwissenschaft in Europa) genauso wie die von Rudi Paret oder Josef van Ess, bis zu den neueren
       Orientalisten. Khalid besucht regelmässig Fachkongresse in Europa, die sich mit dem Schwerpunkt "islamische Entstehungzeit Europa" befassen.

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