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Erste europäische Einstellung zum Islam

Ignoranz und Polemik des Islam ab Johannes von Damaskus bis zu den Kreuzzügen

Hundert Jahre nach dem Tod Muhammeds setzte sich im Orient Johannes von Damaskus mit dem Islam auseinander. Sein Wissen über die neue Religion verdankte er seinem persönlichen Kontakt zu den Muslimen, unter denen er gelebt und gearbeitet hat.  (Es soll den Leser deutlich gemacht werden, das Kritik an der islamischen Lehre durchaus auch geduldet wurde.

In „De Haeresibus“ dem zweiten Teil seines theologischen Werkes „Die Quelle der Erkenntnis“ zählt er den Islam zu den Häresien. Denn Muhammed sei insbesondere von einem arianischen Mönch informiert worden; das erklärt für Johannes auch die Tatsache, dass im Kuran Christus zwar „Wort und Geist“ Gottes genannt, seine Gottheit aber bestritten werde. So hielt er die Lehre Muhammeds bezüglich der Christologie für eine christliche Häresie arianischer Prägung. 

Die These von der Beeinflussung Muhammed durch einen christlichen Mönch ist in der langen Tradition der antiislamischen Polemik sowohl byzantinischer wie lateinischer Provenienz immer wieder aufgegriffen worden. Anlass dafür bot jener Vorwurf im Kuran, wonach Muhammed von einem Menschen belehrt worden sei, der sich nicht der arabischen Sprache bediente: (Sure 16 Vers 103)..und Wir wissen doch, das sie (die Ungläubigen) sagen: Es lehrt ihn (Muhammed) gewiß ein Mensch. Die Sprache dessen, auf den sie hinweisen, ist eine fremde, und diese hier ist eine deutliche arabische Sprache....

Zu Beginn des 9. Jahrhundert berichtet Theophannes Confessor in Fortsetzung der Chronographie seines Freundes Georgios Synkellos eingehend Muhammeds Werdegang und seine Aufenthalt bei den Juden und Christen. Diese im Mittelalter sehr bekannte Chronik wurde in ihrer lateinischen Übersetzung des Anastasius Bibliothecarius (gest. 879) als „Chronographia tripartita“ auc für den abendländischen Raum wichtig. Darin ist ebenfalls von einem häretischen Mönche die Rede.

Mit dem Beginn der Kreuzzüge (1096) und in deren Verlauf mehren sich die Informationen der Lateiner über den Islam und seinen Stifter. Die Legende von der christlichen Beeinflussung Muhammed durch einen häretischen Mönsch begegnet uns in den folgenden Jahrhunderten in den verschiedensten Variationen: Muhammed erscheint als das Opfer eines Mönchen, der vergeblich das Patriarchat von Jerusalem angestrebt habe und daraufhin als Zauberer in Libyen auftrat; von einem abendländischen Eremiten ist die Rede, dem es wegen seiner Häresie nicht gelungen war, Patriarch zu werden, und der dann Einfluss auf Muhammed genommen habe. 

Erstmals im lateinischen Westen nennt Petrus Venerabilis (1094-1156 Abt von Cluny und Initiator der abendländischen Islamstudien in seinen Brief an Bernhard von Clairvaux (um 1090-1153) einen nestoriansichen Mönch mit Namen Sergius als Muhammeds Informationsquelle. Sergius habe die Gottheit Christi bestritten und für diese Überzeugung Muhammed gewonnen.

In der Folgezeit vermischten sich verschiedene Überlieferungen: Sergius tritt als häretischer Mönch, Apostat und Verführer Muhammeds auf. Die Tradition des in der Ostkirche gescheiterten Mönches wird verschiedentlich umgedeutet und in den Westen verlegt. (Daraus wird dann): von einem Kleriker die Rede, der in Rom vergeblich nach Höherem gestrebt habe. Im sogenannten „Liber Nicolai“ erscheint ein gewisser Nikolaus als Kardinal. Er wird als Nikolait beschrieben, der ein zügelloses Leben führte. Die Vorstellung, wonach Muhammed mit Nikolaos, einem der sieben von den Aposteln gewählten Diakone, in Verbindung zu bringen sei oder seine Lehre mit der der Nikolaiten, einer gnostisch-libertinistischen Bewegung, als deren Inaugurator die patristische Tradition im Anschluss an Irenäus den in der Apostelgeschichte genannten Nikolaos aus Antiochien sieht, weist bereits Petrus Venerabilis zurück. 

Dennoch ist diese Legende weiterhin tradiert worden. Jacob von Acqui (ca. 14. Jahrhundert) Dominikaner, berichtet von einem abgefallenen Kleriker Nikolaus, der nach Persien reiste und sich mit Muhammed, einem Teufelsdiener, verband. Zu ihnen stieß ein Mönch Sergius und alle drei ersannen gemeinsam eine neue Sekte, in der Muhammed zum Gott hochstilisiert worden sei. 

Die Volksphantasie über Muhammed und die Entstehung des Islams kannte offensichtlich keine Grenzen. Alle diese legendären Traditionen verfolgten den offenkundigen Zweck, die neue Religion als nicht originär und ursprünglich darzustellen, vielmehr als Echo einer häretisch-christlichen Unterweisung und damit als Fälschung abzustempeln. Auf diese Weise sollte der Anspruch des Kurans, Offenbarungsschrift göttlichen Ursprungs zu sein, entkräftet und aufgehoben werden. 

Hinzu kam die im Mittelalter immer wieder auftauchende Frage nach der Möglichkeit der so raschen Ausbreitung des Islams. Durch den Einbruch der Muslime in den Mittelmeerraum bis hin nach Spanien war der orbis christianus arg zusammengeschrumpft. Der Islam drang weit über die Grenzen des römischen Weltreiches hinaus. Der Vordere Orient, Arabien, Persien, Teile Europas gingen verloren. Wie war das möglich gewesen? Einen Grund dafür sah man in kriegerischen Ausbreitungsmethoden, einen anderen Grund vermutete man in der Zauberei. Und schon rankten sich um die Person Muhammeds die Legenden, die von seinen Zauberkünsten, seinen Verführungs- und Täuschungsmanövern wissen wollten. 
 
 

Neue Wege des "gerechten Krieges"

Um der Lehre des Islam wiederstand leisten zu können, entwickelte sich im Christentum die klassische Lehre vom „gerechten Krieg“ (bellum iustum). Wegweisend war Augustinus (354-430). Ausgangspunkt seiner Argumentation gegen die Häretiker ist im Lukas EV 14,23 zu finden: „Geh hinaus an die Landstraße und die Zäune und nötige sie hereinzukommen, damit mein Haus voll werde!“. Das „nötige sei hereinzukommen“ (compelle intrare) diente ihm der Rechtfertigung eines gerechten Krieges gegen die Häretiker. 

Thomas von Aquin (1225-1274) nennt in Anlehnung an Augustinus u. a. folgende ethische Kriterien, die seiner Meinung nach einen Krieg rechtfertigen können: 1. Die legitime Autorität der zuständigen Obrigkeit, auf dessen Geheiß hin der Krieg geführt wird. 2. Ein den Krieg rechtfertigender Grund z. B. Selbstverteidigung oder Ahndung eines erlittenen Unrechts. 3. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel. 4. Die rechte Absicht mit dem Ziel, dem Frieden zu dienen. 

Doch lange bevor Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert seine ethische Kriteriologie entwickelte, hatte die kriegerische Praxis im Christentum um sich gegriffen. Von Papst Gregor I (590-604) gar wurde der Krieg zu Ausbreitung des Glaubens propagiert, wenngleich er sich Juden gegenüber etwas tolerant gezeigt hat. Papst Leo IV (847-855) und Papst Johannes VIII (871-882) sicherten all denen ewiges Leben zu, die im Kampf gegen Araber d.h. Muslim, und Normannen, also Heiden, fielen.

>Quelle<
Khalid Österreich 
       ist  Muslim und befasst sich seit 1969 mit deutschsprachigen Büchern über den Islam. Sein Augemerk liegt bei den Orientalisten und ihre
       Fachwerke. Sein Bücherstudium geht auf die ersten Anfänge der Islamforschung in Deutschland zurück. Er Schichtete die Abhandlungen von Ignaz
       Goldzieher (den eigentlichen Begründer der Islamwissenschaft in Europa) genauso wie die von Rudi Paret oder Josef van Ess, bis zu den neueren
       Orientalisten. Khalid besucht regelmässig Fachkongresse in Europa, die sich mit dem Schwerpunkt "islamische Entstehungzeit Europa" befassen.

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